Nationalsozialismus in Donaueschingen

 

3. Herrschaft des Nationalsozialismus in Donaueschingen

3.1 Gebietsänderungen

Die Gebietsänderungen im Raum Donaueschingen hielten sich in engen Grenzen. Das Gleichschaltungsgesetz, das am 7. April 1933 neu verfasst worden war, zog allerdings weitreichende Konsequenzen nach sich. Um die Einwohnerzahl Donaueschingens zu vergrößern, kam man bald auf die Idee einige umliegende Gemeinden zum Stadtkern von Donaueschingen hinzuzuziehen. Somit vergrößerte man nicht nur die Fläche der Stadt, sondern auch die Rolle, die Donaueschingen in den Plänen der NSDAP spielte. Um dieses Ziel erreichen zu können benutzte man das bereits erwähnte Gleichschaltungsgesetz, um am 1. August 1933 Allmendshofen, ein kleines Dorf südlich von Donaueschingen, einzugemeinden. Dieser Teil des Vorhabens funktionierte also ohne Probleme. Der zweite Teil war um einiges komplizierter bzw. aufwendiger. Aufen, westlich von Donaueschingen gelegen, wurde erst am 1. April 1935 eingemeindet. Die Eingemeindung dauerte deshalb so lange, weil der Vertragsentwurf nach ministeriellem Einspruch und massiven Bedenken der NSDAP-Führung mehrmals geändert werden musste. Der Hintergrund dieser problematischen Eingemeindung war lokalpolitisch bedingt. Es gab 1934 noch immer kein einziges eingeschriebenes Mitglied der NSDAP in Aufen. Durch harte, langwierige Verhandlungen erreichten die Einwohner Aufens, die übrigens wirtschaftlich von der Eingemeindung profitierten, einige vertragliche Zugeständnisse an ihre zukünftige Situation als Teil von Donaueschingen. Nach vollzogener Eingemeindung waren die Verantwortlichen der NSDAP vermutlich froh, denn sie hatten ihre Indoktrinationsbemühungen schon scheitern sehen, und nun konnte man sich der „Probleme“ intensiv annehmen. Somit stieg die Einwohnerzahl von 5440 auf 6564, die Fläche vergrößerte sich um 920 ha von 2328 ha auf 3248 ha. Bis zum Anfang des Krieges sollte die Einwohnerzahl noch bis auf 7404 ansteigen.

3.2 Pressefreiheit

Ein anderes Kapitel Donaueschingens in der NS-Zeit ist die Presse. So gab es vor der Machtübernahme den stark zentrumsorientierten, und somit stark katholischen „Donauboten“ und das liberale „Donaueschinger Tagblatt“. Beide Zeitungen, ganz besonders der „Donaubote“, waren Hochburgen der Ablehnung von nationalsozialistischem Gedankengut. So machte der „Donaubote“ bereits im Juli 1931 auf die Vorgänge, die später zur Machtübernahme und Gleichschaltung führten, aufmerksam. Er berichtete vorbehaltslos von geheimen Überwachungen, Nachtübungen unter Waffeneinsatz, und druckte sogar eine geheime SA- Nachricht ab, die an zahlreiche Sturmtruppenführer gerichtet war. Der „Donaubote“ war in den Augen der NSDAP- Funktionäre eine Gefahr für die Indoktrinierungsmaßnahmen in Donaueschingen und wurde deshalb am 22. April 1933 wegen: „seiner gehässigen volksverhetzenden Einstellung“ vorübergehend verboten. Der „Donaubote“ war eine führende Kraft im Kampf des katholischen Zentrums gegen die fremdenfeinliche, denunzierende NS- Ideologie und deshalb der NSDAP und besonders Kreisleiter Eberhard Sedelmeyer ein Dorn im Auge. Später, nach der offiziellen Machtergreifung, wurde der „Donaubote“ durch Repressionen auf den Kurs der NS-Presse gebracht. Somit konnte er  seinen Platz als kritische Tageszeitung nicht mehr einnehmen und wurde Anfang 1936, wie auch das auflagenstarke „Donaueschinger Tagblatt“, vom „Schwarzwälder Tagblatt“, dem lokalen NS-Kampfblatt abgelöst. Dieses Machwerk, das keinerlei Aktuelles enthielt, war einzig und allein dafür konzipiert worden, die Bevölkerung,die ja mangels Alternativen keine Wahl hatte, mit nationalsozialistischen Ideologien und Ideen zu überschütten und sie so zu manipulieren. So entstand eine Atmosphäre, die durch Misstrauen, Meinungszwang und Einschüchterung geprägt war. Ein freies Kulturleben im Sinne von Kino, Theater, Ausstellungen oder gar Tanz gab es nicht. Es gab nur Ideologie. Ideologisches Kino, in dem deutsche Soldaten hart und unbesiegbar Heldentaten vollbrachten und dabei nur an das Wohl des deutschen Volkes dachten, ideologische Ausstellungen, in denen Männer dargestellt wurden, die heute wohl Model geworden wären anstatt Soldat, ideologische Vorträge, die zeigen sollten, was wir Deutsche doch für Übermenschen waren und sind und was man tun musste, damit das so bliebe.

 

Bild 7: Aushang am Donaueschinger Rathaus „Der Stürmer“

Dass dazu Behinderte und Kranke, egal ob körperlich oder geistig, nicht in dieses Bild passten, ist dann klar. Es gab sogar ein Gesetz, das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, erlassen am 14. Juli 1933. Damit war der Weg für die Zwangssterilisationen und Eutanasieprogramme, besonders der T4-Aktion, frei. Diese Aktion gehört zu den schockierendsten Dingen, die in der Zeit von der Machtergreifung bis zum Kriegsende abgelaufen sind. Im Herbst 1939 begann man auf Anweisung der Nationalsozialisten alle verfügbaren Geisteskranken, alle Geistesschwachen, und alle körperlich Behinderten in Anstalten und Pflegeheimen  zu versammeln und zu töten, ca. 10.000 im württembergischen Münsingen, Tausende in anderen Irrenanstalten. T4 – ist ein Ausdruck, der heute noch zur Einstufung  männlicher Wehrpflichtiger eingesetzt wird. T4 steht für Tauglich 4, also gewissermaßen „untauglich“. Und als solche T4 wurden viele eingestuft, wobei hier die Zahlen weit auseinandergehen. Von ca.100.000 sprechen die einen, wesentlich realistischer erscheint aber die Einschätzung des Donaueschingers katholischen Pfarrers Heinrich Feuerstein, der in seiner Neujahrspredigt am 7.Januar 1942 von 1.25 Millionen Opfern sprach. Diese Rede brachte Feuerstein, erbitterter Gegner der Euthanasie des Nationalsozialismus, nachdem er bereits 1939 von der Gestapo vernommen worden war, die Verhaftung und anschließende Einlieferung ins KZ Dachau ein. Dort starb Feuerstein wenige Wochen nach seiner Einlieferung. Diese Vorgehen der Gestapo lösste in der Bevölkerung grosse Empörung und Wut gegen die Nationalsozialisten aus. Diese dagegen zeigten sich von Feursteins Inhaftierung mehr als erfreut,  da er die Bevölkerung negativ zu sehr beeinflusste. Ein anderer Donaueschinger kam zu weit größerer, allerdings mehr als zweifelhafter Ehre, Dr. Hanns Eisele, SS-Obersturmführer und Lagerarzt im KZ Dachau, kurioser weise als Kind gefördert von Heinrich Feurstein, galt als einer der skrupellosesten und experimentierfreudigsten Lagerärzte der gesamten NS-Zeit. Er bediente sich hemmungslos der in den Konzentrationslagern Internierten, um grausamste Versuche am Menschen vorzunehmen. Zeitzeugen berichteten, dass kein anderer SS-Arzt auch nur annähend an die Brutalität von Dr. Hanns Eisele herangekommen sei. Er wurde zwar nach Kriegsende 1945 zum Tode verurteilt, verließ das Gefängnis 1952 aber als freier Mann und wanderte nach Ägypten aus.

Bild 10: Heinrich Feurstein (1877-1942), Stadtpfarrer von Donaueschingen von 1908 bis zu seiner Verhaftung 1942