2. Der historische Hintergrund 
  und die Situation vor 1972

Aufs Ganze betrachtet bilden die Verwaltungs- und Gebietsreform von 1971 in Baden-Württemberg eine in der südwestdeutschen Landesgeschichte tiefgreifende Zäsur. Hatte die Bildung des Bundeslandes Baden-Württemberg 1952 die "äußeren" Verhältnisse, also die Landesgrenzen, erstmals seit der Zeit Napoleons wieder grundlegend verändert und das Gebiet politisch neu geordnet, so stellte die Kreisreform einen Teil der "inneren" Neuregelung im deutschen Südwesten dar.

Durch die Neugliederung von leistungsfähigen Landkreisen sollte das junge Bundesland eine moderne Verwaltungsstruktur erhalten. Dies sah man allseits als notwendig an, weil sich die kommunalpolitischen, wirtschaftspolitischen, sozialpolitischen und kulturpolitischen Aufgaben geändert hatten, ebenso wie die gesamte Gesellschaftsordnung.

Die Kreisreform von 1971, Teil der Gebietsreform, löste die Kreiseinteilung aus dem Jahre 1939 und die Neuorganisation der Landkreisverwaltung aus dem Jahre 1955 ab. Die Einwohnerzahl der bis dahin gültigen 63 Landkreise war keineswegs auch nur annähernd einheitlich: sie reichte von 33.000 bis 296.000 Einwohner. Ähnlich verhielt es sich mit der Flächengröße: der größte Landkreis umfaßte 1100 kM2 , der kleinste lag gerade bei 260 kM2 es gab Landkreise mit 13 Gemeinden, andere umschlossen bis zu 104 Gemeinden in ihrem Kreisgebiet.

Diese unterschiedliche Größenordnung setzte sich im übrigen auch bei den 3378 Gemeinden in Baden-Württemberg fort. Allein 92 Prozent der Kommunen hatten weniger als 5000 Einwohner. Nur 273 Gemeinden lagen über 5000 Einwohner, fast doppelt so viele zählten 300 Einwohner und weniger. Daraus ergaben sich, nach damals allgemeiner Auffassung, verwaltungstechnisch geringere Leistungsfähigkeit, nur geringe Reaktionsmöglichkeiten auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen und, was besonders betont wurde, zu wenig Bürgernähe zu den tatsächlich entscheidenden Gegebenheiten. Bezogen auf das spätere Gebiet des Schwarzwald-Baar-Kreises, das sich im wesentlichen aus dem Altkreis Villingen und einem Großteil des Kreises Donaueschingen zusammensetzte, bedeutete dies für die Gegebenheiten in unserem Raum vor Reformbeginn: Der Landkreis Villingen umfaßte 451 kM2 Mit 97.000 Einwohnern (Stand 1951). Das waren die Bereiche um Villingen, St. Georgen (mit Tennenbronn) und der Raum um Triberg/Schonach/Schönwald. Der Landkreis Donaueschingen zählte damals 75.0 00 Einwohner, war aber wesentlich flächengrößer mit 766 kM2 . Er umfaßte das Städtedreieck Donaueschingen/Bräunlingen/Hüfingen, den Bereich Blumberg, das Obere Bregtal bis Gütenbach und reichte im Osten über Geisingen und Immendingen bis Emmingen ob Eck.

Die bis dahin geltende Situation der staatlichen Verwaltung in Baden-Württemberg wurde durch einen Vorstoß der seit 1966 regierenden und in der Landtagswahl 1968 bestätigten Landesregierung der großen Koalition aus CDU und SPD (Regierung Filbinger/Krause) in Frage gestellt. Der damalige Innenminister Walter Krause (SPD) legte ein Denkmodell der Landesregierung vor, das Baden-Württemberg in zwei Regierungsbezirke teilte und 25 Großkreise (und nur noch 5 Stadtkreise) enthielt, die, ohne gleich groß zu sein, eine gewisse Einheitlichkeit der Kreisgröße anstrebten. Auch wurde hier die Bildung von Regionalverbänden vorgeschlagen. Zudem wurde auch in Aufgabenstellung, Zuständigkeit und Verwaltungsfunktionen - mindestens teilweise - eine geänderte Organisation vorgesehen. Dieses Modell ging in unserem Raum von einem Großteil aus den bisherigen Landkreisen Villingen, Donaueschingen, Rottweil und Tuttlingen aus. Er hatte 401.000 Einwohner auf einer Fläche von 2339 km2.

Das Denkmodell schlug wie eine Bombe ein. Es wurde in den folgenden Jahren im ganzen Land, im Stuttgarter Landtag, bei den Parteien und in der gesamten Öffentlichkeit kritisch und kontrovers diskutiert. Besonders hohe "Würdenträger" im Lande, Regierungspräsidenten, Amtsinhaber von Sonderbehörden, Landräte u.a. sahen ihre bisherige Arbeit infrage gestellt und bangten um ihren Stuhl. So kam Opposition vornehmlich aus den Reihen der CDU. Die eigentliche Gegenposition bezog das Diskussionsmodell der CDU-Kommission "Verwaltungsreform" vom 25.02.1970. Es sah 38 Landkreise und acht Stadtkreise in 13 Regionen vor, Regierungspräsidien wurden nicht mehr genannt. Es unternahm den Versuch "besser als das Regierungsmodell die Anpassung an langfristige Entwicklungstrends sicherzustellen." Dies geschehe durch die Schaffung von Regionalverbänden, in die die Stadt- und Landkreise eingefügt sind. Das Diskussionsmodell der CDU betont "für die ferne Zukunft" die Möglichkeit, Regionalkreise (also: Großkreise) zu bilden. Für unseren Bereich hieß dies: Die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg umfaßt die drei selbständigen Landkreise Villingen-Schwenningen, Rottweil und Tuttlingen. Der Kreis Villingen-Schwenningen besaß schon fast die Konturen des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises, wobei allerdings der Verflechtungsbereich

Bräunlingen dem Landkreis Hochschwarzwald, und damit der Region Hochrhein-Hochschwarzwald, zugedacht war.



Der bisherige Landkreis Donaueschingen fiel von Anfang an in allen Modellen dem Reformgedanken zum Opfer. Das führte zu heftigem Widerstand im weiteren Umland von Donaueschingen gegen die Kreisreform an sich. Der Unmut vieler Bewohner des alten Landkreises äußerte sich in der Gründung der "Interessengemeinschaft für die Erhaltung des Landkreises Donaueschingen", die für eben dieses Ziel eine Unterschriftenaktion durchführte, wobei immerhin rund 15.000 Wahlberechtigte für ein Fortbestehen des Kreises Donaueschingen votierten. Eine entscheidende Wirkung erzielte man damit jedoch nicht. Die Donaueschinger Kreisverwaltung unter Landrat Dr. Lienhart unternahm im Februar 1971 einen letzten verzweifelten Schritt, um den Donaueschinger Interessen mehr Geltung zu verleihen. Man versuchte 14 Baargemeinden im Raum Löffingen/Unadingen vom neuen Kreis Hochschwarzwald abzuwerben, um so der Raumschaft Donaueschingen/Baar im Kreis "Villingen-Donaueschingen" mehr Gewicht zu geben. Auch dieser Versuch mißlang.

Eine besondere Bedeutung gewann das CDU-Diskussionsmodell für einen Kreis Villingen-Schwenningen dadurch, dass ihm die ehemals württembergischen Landesteile um Schwenningen und Tuningen zugewiesen wurden. Damit wurden auch in diesem kleineren Rahmen die landsmannschaftlichen Grenzen zwischen Baden und Württemberg, die noch bei der Volksabstimmung 1951 so umstritten waren, endgültig überschritten, ein Vorgang, der auch jetzt nicht überall auf Gegenliebe stieß.

Es erübrigt sich, ausführlich zu betonen, dass auch der CDU-Vorschlag nur eine - wenn auch gewichtige - Station auf dem Reformweg war. Was schließlich 1971 landesweit als Ergebnis herauskam, war ein Kompromiß, der in wesentlichen Teilen auf dem CDU-Entwurf und dem Denkmodell des (SPD-)Innenministers beruhte.


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