Warum heute Latein lernen?

Pantheon

Fremdsprachen sind die einzigen Unterrichtsfächer der Unter- und Mittelstufe, die man wählen bzw. eben nicht wählen kann, und die sich damit in einer Konkurrenzsituation befinden. Gerade dem als tote Sprache abqualifizierten Latein weht seit Jahren ein rauher Wind entgegen: zur Zeit machen vor allem Spanisch und Italienisch als dritte Fremdsprache die Zukunft des Schulfachs Latein sehr unsicher. Denn mit modernen Fremdsprachen kann man doch, so die landläufige Meinung, im Berufsleben mehr anfangen.

In ihrer Existenz in Frage gestellt, haben sich natürlich auch die Altphilologen mit Argumenten für die Daseinsberechtigung ihres Fachs gewappnet, die - fast einem Ritual gleichend - immer wieder herausgestellt werden:

Die fundierte Erlernung der lateinischen Sprache, insbesondere ihrer systematischen Formen- und Satzlehre, ermöglicht den besten Zugang zur Grammatik der deutschen Muttersprache. Der größte Teil des Fremd- und Fachwortschatzes der deutschen Sprache hat lateinische Wurzeln.

Latein ist das Fundament aller romanischen Sprachen: wer Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch oder auch Rumänisch richtig lernen will, kommt am Latein nicht vorbei.

Latein war die Kultur- und die Wissenschaftsprache in Europa von der Antike über das Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert hinein (in Medizin und Biologie teilweise heute noch).

Sprache und Kultur der griechisch-römischen Welt der Antike gehören zur Allgemeinbildung.

Natürlich wird auch - streng positivistisch - das Damoklesschwert des Latinums, das bei bestimmten Studienfächern Voraussetzung ist, angeführt.

Diese Argumente sind natürlich nicht falsch; da jedoch die anderen Sprachen mit ähnlichen Katalogen aufwarten, können sie leicht ihre Überzeugungskraft verlieren. Ulrich Greiner, der Literaturchef der ZEIT, hat auf dem Bundeskongress des DAV in Marburg zurecht auf die Begründungsfalle hingewiesen: wenn sich die alten Sprachen auf eine Diskussion über ihren Nutzen einlassen, stehen sie auf einem verlorenen Posten.

Ich möchte sie daher nicht vertiefen, sondern einen ganz anderen Gedankengang vorbringen:

Der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt - nach ihm ist übrigens die Straße unserer Schule benannt - entwarf gleichsam mitten in der Industriellen Revolution in Preußen mit dem Gymnasium einen neuenSchuletyp, in dem fast ausschließlich die Alten Sprachen erlernt werden sollten. Er setzte damals auf eine formale allgemeine Bildung und lehnte eine berufsbezogene höhere Ausbildungsschule nachdrücklich ab; die Dampfmachine und der mechanische Webstuhl standen nicht auf dem Programm!

Heute im Zeitalter der Informations- bzw. Globalisierungsrevolution kann Spezialwissen von heute schon morgen wieder ein alter Hut sein. In einer Zeit, in der man, so Bundesbildungsminister a.D. Rüttgers, in seinem Leben wahrscheinlich drei oder mehr Berufe ausüben und erlernen muss, sollte das Gymnasium seinen Auftrag, eine vertiefte Allgemeinbildung zu vermitteln, deshalb keineswegs dem Zeitgeist opfern und alle drei Jahre seine Bildungsinhalte reformieren, sondern im Gegenteil zu den Wurzeln, zu Humboldt, zurückkehren. Im sprachlichen Profil sollte daher Latein fest verankert werden.

Eine reelle Chance hierfür bietet die landesweite Einführung einer Fremdsprache an der Grundschule ab dem Jahr 2001, die die Sprachenfolge am Gymnasium erheblich verändern wird: so erfolgt ab der 5. Klasse schon der Unterricht in der zweiten Fremdsprache. Was spräche da gegen Latein? (Aus Stuttgart hört man jedenfalls positive Signale!)

Jeden Abiturienten, der nicht Bauingenieur oder Mathematiklehrer wurde, haben lineare Vektoren, die im Raum verschoben werden, und Ableitungen eher seltener wieder beschäftigt; die Abenteuer des Odysseus, die Taten des Herakles, aber auch die Qual der Satzperioden eines Cicero oder Livius haben seine Persönlichkeit jedoch lebenslang geprägt.

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