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Die Flussgeschichte der oberen Donau


V. Paläogeographie [1]

a. Rheinablenkung zur Donau hin

Der pliozäne und altpleistozäne Alpenrhein floss nach den Indizien über Bregenz entlang der Linie Schussental-Federsee. In der Donau-Eiszeit bis Günz-Eiszeit wurde der Alpenrhein in der Konstanzer Gegend zur Aare, d.h. zum Oberrhein abgelenkt.

     Tektonische Vorgänge hatten entscheidende Auswirkungen auf die Entwicklung des heutigen Entwässerungssystems in Südwestdeutschland während des Jungtertiärs und älteren Pleistozäns. Diese Vorgänge, im besonderen der seit dem Eozän bis heute einsinkende Rheingraben bewirkten, dass der Rhein als einziger Alpenfluss den Weg zur Nordsee eingeschlagen hat, während alle anderen mehr oder weniger dem Gebirgsbogen folgen und zum Schwarzen Meer oder Mittelmeer fließen. Das Einzugsgebiet des im Laufe des Unter- bis Mittelmiozäns, d.h. vor ungefähr 15-20 Mio. Jahren entstandenen Urrheins reichte grabenaufwärts noch im Unterpliozän (vor etwa 4-5 Mio. Jahren) nur bis zu einer Schwelle, die seit dem Untermiozän etwa im Bereich Colmar-Kaiserstuhl-Emmendingen den Graben querte. Die Urfecht, vom elsässischen Münstertal kommend, und rechtsrheinisch die Urkinzig (Unterlauf der heutigen Kinzig) bildeten die Hauptquellbäche des Urrheins. Südlich der Schwelle bei den längst erloschenen Kaiserstuhlvulkanen entwässerten die aus Südvogesen und Südschwarzwald in die Senkungszone des Grabens gelangenden Flüsse durch den Sundgau nach SW in Richtung Mittelmeer. Vorher, im Mittel- und Obermiozän flossen diese Gewässer über den Bereich des noch nicht aufgefalteten Schweizer Juras hinweg nach SE ins Molassebecken. Auch am Südostrand des Schwarzwalds schütteten damals die Juranagelfluhflüsse und von S her die Alpenflüsse ihre Geröllfracht ins Molassebecken. Dort war zu dieser Zeit die Entwässerung noch generell nach SW gerichtet.

     Mit dem Ende der Molassesedimentation im Obermiozän kehrte sich die Entwässerungsrichtung im Alpenvorland nach NE um. Ursache waren großräumige Kippungsvorgänge, hinzu kamen im Schwarzwald- und Oberrheingebiet mindestens seit dem Mittelmiozän einsetzende und bis ins Pliozän anhaltende Hebungsvorgänge.


b. Aare-Donau

Noch im ausgehenden Obermiozän entwickelte sich das Flusssystem der Urdonau. Sie floss entlang dem Nordrand des Molassebeckens, nahe der Klifflinie, und wurde zur Sammelader für die aus den Alpen nach N und von der sich aufkippenden Juratafel nach SE strömenden Gewässer. Der Oberlauf der Urdonau, mit der Aare und der Walliser Rhone als Hauptquellästen, war damals  ein großer Alpenfluss, der auch die bedeutenden Wassermengen des Schweizer Mittellandes aufnahm und als Aare-Donau bezeichnet wird. Die vorkommen alpiner Restschotter entlang der heutigen oberen Donau – auf der Albhochfläche 70 bis über 250m oberhalb des Flusses gelegen – und im Schweizer Jura  belegen diesen Sachverhalt.

     Hochliegende Schotter entlang dem oberen Wutachtal (z.B. bei Göschweiler) bezeugen, dass die Aare-Donau einen vom Süd- und Mittelschwarzwald kommenden starken Zufluss hatte, die sogenannte Feldbergdonau. Sie vereinigte sich etwa bei Blumberg mit der Aare-Donau. Bei Geisingen und Tuttlingen mündeten weitere Nebenflüsse, Urbrigach/Urbreg und Ureschach, deren Einzugsgebiete ebenfalls weit in den mittleren Schwarzwald hinaufreichten.

     Über die Albtafel hinweg flossen der Urdonau auch Gewässer zu, die schon früher, im Oligozän und Miozän, große Teile des heutigen Neckargebiets ins Molassebecken entwässerten. Nur der allernördlichste Teil des Neckarraums gehörte damals bereits zum Einzugsgebiet des Urrheins. Dieses erweiterte sich in der Folge – gesteuert durch den vor allem im Nordteil immer weiter einsinkenden Oberrheingraben – durch rückschreitende Erosion des zunächst nur kurzen Urneckars immer weiter nach S zu Ungunsten der Nebenflüsse der Urdonau.

     Die auch außerhalb des südlichen Oberrheingrabens während des Pliozäns andauernden Hebungsvorgänge führten zu starker Erosion durch die Urdonau, so dass entlang dem Albsüdrand die Molassedecke beträchtlich abgetragen und weitgehend entfernt wurde. Während sich die Aare-Donau in den auffaltenden östlichsten Schweizer Jura zum Teil noch einschneiden konnte, konnte sie um die Mitte des Pliozäns nicht mehr mit den Hebungen des Schwarzwalds schritt halten. Dadurch musste sich die Aare einen neuen Weg durch die Senkungszone zwischen Faltenjura und Südschwarzwald nach Westen suchen und mit den Flüssen des südlichen Oberrheingrabens als Aare-Doubs zum Mittelmeer fließen.

     Die Urdonau verlor einen ihrer alpinen Hauptquellflüsse. Wenig später folgten der Aare wahrscheinlich noch ihre Nebenflüsse Reuß und Urlinth. Die Ablenkung der Aare und ihrer Zuflüsse belegt im Sundgau westlich von Basel ein bis über 20 Meter mächtiger, oberpliozäner Schotter, dessen Herkunft nach geröllpetrographischen Untersuchungen klar dem Wallis und Berner Oberland zuzuordnen ist. Auch die hochliegenden Restschotter entlang der oberen Donau wurden untersucht. Ziel der Schotteruntersuchungen im Bereich der Schwäbischen Alb und angrenzender Gebiete war die Erfassung der Geröllkomponenten in den  einzelnen Schotteransammlungen der Donau in ihrer zeitlichen Abfolge.

 

Pro Schotteranalyse wurden  250-300 Gerölle ausgesiebt oder aufgesammelt und bestimmt. Dabei wurden die Proben nach Möglichkeit aus frischen Kiespaketen entnommen. Als Ergebnis konnte in den tieferen Niveaus die Ablenkung an einer Änderung der dort abgelagerten Gerölle festgestellt werden, da dort ab einer gewissen Schicht keine alpinen Gerölle mehr vorhanden waren.

     Im obersten Pliozän kam durch das wieder  einsetzende Absinken auch des südlichen Oberrheingrabens die Überwindung der Kaiserstuhl-Wasserscheide durch den Urrhein zustande. Dabei wurde die Aare erneut umgelenkt, diesmal im Sundgau nach N, wodurch sie bis wahrscheinlich noch ins Eopleistozän zum neuen  Quellfluss des Urrheins wurde und dessen Wassermenge beträchtlich erhöhte.

     Alpenrhein, Feldbergdonau und die linken danubischen Nebenflüsse bis hin zum Urmain entwässerten unterdessen weiter zur Urdonau. Der Anschluss auch des Alpenrheins an den Aare-Rhein erfolgte ab dem späten Eopleistozän, wohl im Zusammenhang mit den ersten Vorstößen des Rheingletschers in das Alpenvorland.

     Im Mittel- und Jungpleistozän fanden nur noch kleinere Veränderungen statt. Die Donau musste einige ihrer im wesentlichen schon seit dem Altepleistozän benutzten Talstücke als Folge der bis zur Alb reichenden Vorstöße  des risszeitlichen Rheingletschers verlassen, wodurch ihr heutiger Lauf entstand.

     Die Feldbergdonau wurde schließlich erst auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor 19.000-20.000 Jahren durch Überlaufen der Schmelzwässer zu der mittels rückschreitender Erosion nahe herankommenden Wutach zum Hochrhein abgelenkt, wodurch binnen weniger Jahrtausende die eindrucksvolle Wutachschlucht entstanden ist.


c. Die Flussanzapfung der Feldberg-Donau durch die Wutach

Die Flussanzapfung der Wutach ist in ganz Europa etwas Besonderes und wird oft als „aufgeschlagenes Lehrbuch“ bezeichnet. Das Gebiet von Wutach und Gauchach, Aubächle und Krottenbach ist Exkursionsziel vieler Studenten- und Schülergruppen, Amateurgeologen und Wissenschaftlern. Auffallend im Bereich von Blumberg ist der Verlauf der Wutach. Vom Feldsee aus noch als Seebach fließt der relativ kleine Fluss Richtung Osten in den Titisee, nach dem See als Gutach weiter und nach der Vereinigung mit der in Lenzkirch entspringenden Haslach als Wutach weiter auf die Blumberger Pforte zu, 


welche vom Eichberg im Norden und dem Buchberg im Süden gebildet wird. Vor diesen beiden Bergen knickt sie jedoch scharf und steil nach Süden ab und fließt in einer tiefen Schlucht Richtung Waldshut-Tiengen und mündet dort in den Rhein. Deutlich zu erkennen ist  jedoch zwischen Eich- und Buchberg die auf höherem Niveau gelegene, flachere, ehemalige Talsohle (vgl. Abb. 5). Nach geröllpetrographischen und schwermineralogischen Untersuchungen nimmt man heute an, dass die Wutach erst vor 70000 Jahren zu einem Nebenfluss des Rheins wurde, bis dahin aber – 200 Meter höher gelegen – ein Quellfluss der Donau bzw. Nebenflüsschen der Rhône-Aare-Donau war. In dem heutigen Tal, welches durch die Blumberger Pforte weiter Richtung Nordosten verläuft und bei Geisingen in die Donau mündet, fließt heute nur das kleine Flüsschen Aitrach, welches nicht über genügend Wassermengen und Reliefenergie verfügt, um solch ein tiefes und weites Tal auszuräumen. In diesem Graben floss die sogenannte Feldberg-Donau hoch über dem heutigen Wutachtal. Noch in der letzten Eiszeit brachte der Fluss vom damals vergletscherten Feldberg-Massiv viel Geröll mit, welches den Talboden um etwa 25 Meter erhöhte. Die Wutach kam nun durch rückschreitende Erosion immer näher an die Feldberg-Donau heran. Da der Hauptarm durch das alte Tal mit nur 1 Promille Gefälle floss, schoss er bei Hochwasser den jenseitigen Hang hinunter und schnitt sich aufgrund des stärkeren Gefälles so rasch ein, dass der Hauptarm nach wenigen Jahren trocken fiel. Die Wutach schnitt sich aufgrund der erhöhten Wassermenge sehr tief ein und auch ihre Nebenflüsse wie die Gauchach vertieften ihr Flussbett. Erkennbar ist dies unter anderem z.B. auch an alten Flussbettniveaus bei Neustadt, welche heute als Terrassen stehengeblieben sind (vgl. Anhang Abb. 8).


d. Ausblick

Die Eroberung von immer weiteren Teilen des Donaueinzugsgebiets durch den viel tiefer fließenden Rhein und seine Nebenflüsse, besonders durch den den Albtrauf immer weiter nach SE zurückdrängenden Neckar und seine rechten Zubringer, geht bis heute weiter. Im Gebiet der verkarsteten Albtafel verläuft diese Entwicklung mit einem unteririschen Vorstadium, in dem durch allmähliche Verschiebung der Karstwasserscheide noch danubische Gebiete unterirdisch bereits zum Neckar bzw Rhein entwässern  Am ausgeprägtesten  ist dies auf der Mittleren Schwäbischen Alb, wo die Verschiebung bis zu 6km beträgt, und auf der Westalb, wo infolge der Versickerungen der Donau deren Einzugsgebiet bis Friedingen teilweise, bei Vollversickerung sogar schon vollständig zur Aach und damit zum Rhein entwässert.

     Auch die Erosion bei der Wutach schreitet heute immer noch weiter voran. Die Wutach gräbt ihr Flussbett immer weiter aus und wird eines Tages z.B. bei Erreichen des Titisees eine noch größere Wassermenge erhalten und diesen entwässern. Das Schleifenbächle, welches die alte Talebene, auf der heute Blumberg gelegen ist, zur Wutach hin entwässert, gräbt sich immer tiefer in die Blumberger Pforte ein, da dort das Gesteinsmaterial zum größten Teil nur aus den weichen Geröllablagerungen der alten Feldberg-Donau besteht. So wird das Schleifenbächle eines Tages die Aitrach erreichen und weiter in Richtung Donau entwässern wodurch dann die Donau bei Geisingen zum Rhein abgelenkt werden wird. Heute befindet sich die Wasserscheide zwischen Donau und Rhein in etwa genau in Höhe von Zollhaus. Das dortige Moor zeigt, daß hier das Wasser nur sehr langsam in die unterschiedlichen Richtungen abfließt. In geologischen Zeiträumen betrachtet verläuft hier eine sehr rasante Verschiebung der Wasserscheide und  es wird nicht lange dauern, bis die Donau nicht mehr in das Schwarze Meer fließt sondern ein weiterer Zufluss des Rheins wird und ihren Weg zur Nordsee nimmt.


[1] paläogeographisch = pálaios (griech.) von alters her, alt; gé (griech.) Erde; grápho (giech.)    schreiben


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