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Die Sache mit der Donau

von Prof.Dr.Günther Reichelt

aus:

DIE BAAR
Wo Donau und Neckar entspringen

(Dokumentation)

 



Etikettengläubige werden leicht verwirrt, finden sie doch sowohl in Donaueschingen als auch im 30 km westlich und oberhalb davon gelegenen Furtwangen unmissverständliche Hinweise auf die "Donauquelle". Ja, wer hat denn nun recht, die Furtwanger Aufklärer über die "wahre" Donauquelle unter der Martinskapelle, die konservativen Donaueschinger Verfechter der "Schlossquellenhypothese" oder die salomonischen Orakelsprüchler mit ihrer Formel "Brigach und Breg bringen die Donau zuweg"?
Begeben wir uns also vor Ort, wie schon vor 460 Jahren der berühmte Kartograph Sebastian Münster. Folgen wir zunächst dem verheißungsvollen Schild zum "Naturdenkmal Donauquelle" ein paar Schritte unterhalb der Martinskapelle. Über eine kleine gemauerte Treppe herab und unter einem der daneben gesetzten Granitblöcke hervor, rieselt ein dünner Wasserfilm in einen flachen, ziemlich trüben Tümpel. Das Gerinne verliert sich bald, hilft aber vielleicht, die Weiher am 250 m unterhalb gelegenen Kolmenhof mit zu speisen. Das ehemalige schöne Gletschertal ist leider durch eine Hochspannungsleitung arg verschandelt. Auf zwei Granitblöcken sind Bronzetafeln eingelassen, nahebei verkündet eine Holztafel "die Wahrheit". Die Informationen fließen offenbar reichlicher, als das "Naturdenkmal" Wasser gibt. Eine Tafel behauptet, hier beginnt die geographische Längenmessung der Donau; die andere verkündet, dort liegt die "Donauquelle", denn "hier entspringt der Hauptquellfluss der Donau die Breg, in der Höhe von 1078 m. ü. d. M., 2888 km von der Donaumündung entfernt". Die dritte belehrt, dass in der oberhalb gelegene Sumpfwiese gleich mehrere Bregquellen existieren, die auch unabhängig von den Hausbrunnen der Anlieger seien; alles andere sei "Geschwätz, Irrtum und unwahr".
Unwahr ist jedenfalls, dass die Längenmessung der Donau an der behaupteten Quelle beginnt. Die amtliche Messung fängt vielmehr mit Null am Zusammenfluss von Brigach und Breg an.

Wieder daheim, suche ich meinen Briefwechsel mit der kartographischen Abteilung eines großen geographischen Verlags, der seinerzeit dabei war, die Breg in Donau umzutaufen (er machte das wieder rückgängig). Dabei stoße ich auf den unermüdlichen Geologen Friedrich Schalch, der das Blatt Furtwangen um 1900 kartiert hat. Er bezeichnet die Breg zunächst eindeutig als "Nebenfluss der Donau". Und dann lese ich mit zunehmendem Erstaunen weiter: "Als eigentlicher Ursprung gelten für gewöhnlich die Quellen am Brücklerain und bei Neuenweg . . ., doch findet man auf der Karte, wohl mit Unrecht, die aus der Südwestecke kommenden Zuflüsse als Breg bezeichnet.

Tatsächlich heißt der Bach, der vom Hausebenehof, also von SW her, auf Furtwangen zuläuft, noch heute in den amtlichen topographischen Karten "Breg". Und das ist zweifellos eine alte Bezeichnung. Aber merkwürdigerweise nennt der ausgezeichnete Kenner Schalch zwar zwei Bregquellen, darunter die bei Neuweg zwischen Jonasenhof und Reinershof, erwähnt jedoch die Quelle unter der Martinskapelle nicht. Das lässt aufhorchen.
Von der Martinskapelle sind es rund 10 km hinüber zur Brigachquelle. Auch sie wurde schon vom St. Georgener Vikar Breuninger um 1719 als "Urquelle des weltberühmten Donaustroms" bemüht. Unter dem Hirzbauernhof (= "Hirschbauer") sprudelt sie in 932 m. ü. M. hervor und speist über eine Steinrinne einen Teich, bevor sie munter davoneilt. Zu ihren Häupten ist in eine farnüberwucherte Steingruppe ein seltsamer, halbmeterlanger Stein eingefügt worden. Er ist die Kopie des 1889 im Backofengewölbe des Hofes entdeckten "Dreigöttersteins", heute im Museum in St. Georgen. Darauf sind ein Hirsch, ein Hase und ein Vogel eingraviert, umgeben von drei als Götter gedeuteten Köpfen. Die 3 Tiere entsprechen keltischen Glaubensvorstellungen, so dass der Stein als Zeugnis eines keltisch-römischen Heiligtums an der Brigachquelle gelten könnte.


Fairnesshalber sei erwähnt, dass auch die Martinskapelle schon wegen ihres Namens auf ein hohes Alter deutet und dass Anzeichen für ein mindestens karolingisches Alter bestehen. Nur: ein "Quellheiligtum" ist sie deswegen noch nicht. Aber das ist für unser "Quellenproblem" auch nicht so wichtig.

Doch was hat sich Vikar Breuninger gedacht, als er die Urquelle der Donau in der Brigachquelle sah? Offenbar war er im württembergischen St. Georgen auch hinsichtlich des Donauursprungs württembergisch gesonnen. Aber er ließ sich wohl z. T von der Quellschüttung leiten, denn er nimmt die Juniperusquelle und die Schlossquelle in Donaueschingen zu den wahren Ouellen hinzu. Sicher hat er auch die Bregquellen aufgesucht. Aber da sie noch nicht gefasst oder gar zusammengefasst waren, sind sie höchstens als sickernde Sumpfquellen und damit mehr oder weniger unbedeutend erschienen; so unbedeutend wie mehrere noch über dem "Naturdenkmal" liegende Ouellen heute auch .

Wechseln wir zum nächsten Schauplatz nach Donaueschingen. Die Schlossquelle ist nicht zu übersehen unter dem Hügel der doppeltürmigen Stadtkirche, die (bezeichend genug) nach Johannes dem Täufer, dem Quellenheiligen, benannt ist. Seit 1875 besteht die imposante Fassung des tiefen und klaren Quelltopfes durch Adolf Weinbrenner und Franz Xaver Reich, allegorisch überhöht von der bekannten Marmorgruppe "Mutter Baar weist ihrer Tochter, der jungen Donau den Weg nach Osten", geschaffen um 1895 vom Vöhrenbacher Adolf Heer. Schon lange vorher war die Quelle gefasst. Der älteste Bericht stammt von Sebastian Münster um 1538. Das damals rechteckige Becken maß 26x18 Fuß, rund 8x6 m. Nach einem Abfluss suchen wir zunächst vergebens. Seit 1828 ist nämlich der ursprüngliche Lauf des Donaubaches gänzlich anders und unterirdisch verlegt worden. Er ergießt sich 90 m entfernt rauschend in die Brigach, gekrönt von einem klassizistschen Tempel mit dem pathetischen Spruchband, Kaiser Wilhelm II., Enkel Wilhelms des Großen, habe das Haupt der Donau geschmückt. Man übersieht leicht, daß zwischen dieser Stelle und der Brücke zum Schloss mindestens 3 weitere, fast gleichstarke Quellen dem nun als Donau zu bezeichnenden Flusse zuströmen und eine Handvoll weiterer im Park und anschließenden Ried aufstößt. Nun sagt der schon genannte Sebastian Münster in seiner Karte und Beschreibung von 1538, dass damals der Quelle ein 2 Fuß breiter, 1 Fuß tiefer Bach mit dem Namen Donau entsprang, der sich erst einige hundert Meter unterhalb. gegenüber dem alten Schwimmbad und heutigen Park-Restaurant, mit der Brigach vereinigte, wie auch eine Lithographie des Wieners Jacob Alt um 1820 zeigt. Und folgerichtig werden auf dem ältesten Urbar der Stadt von 1584 Grundstücke, die heute an der Brigach zu liegen scheinen, als an der Donau liegend beschrieben. So macht es auch Sinn, wenn sich der Ort seit mindestens 1292 Donaueschingen nennt, obwohl der Zusammenfluss von Brigach und Breg erst einige Kilometer unterhalb der Stadt erfolgt und die Fürstenberger noch nicht Herr des Ortes waren.

 

 

Der scheinbar komplizierte Fall entpuppt sich somit als Scheinproblem. Die Namengebung eines Gewässers richtet sich nämlich nicht nach statistischen Daten, sondern geschichtlich Überliefertem. Und darum bleibt die Quelle an der Martinskapelle vielleicht eine Quelle der Breg, kann aber keine der Donau werden. Und die Donauquelle in Donaueschingen bleibt es halt, auch wenn sie selbst mit rund 150 1/sec nicht mehr ist als ein "ordentlicher Guss Taufwasser", wie der um Schwarzwald und Baar hochverdiente Geologe Willi Paul einmal formulierte. Die Donau behält zwei Quellflüsse, von denen die Breg dank der Zuflüsse unterhalb von Hammereisenbach - mit rund 5 m³/sec der durchschnittlich wasserreichere ist gegenüber der Brigach mit 3 m³/sec; beide bleiben dennoch Nebenflüsse der Donau und haben keinen Anspruch auf deren Namen.

Literaturhinweis: aus Günther Reichelt: DIE BAAR - Wo Donau und Neckar entspringen
Verlag Otto Mory's Hofbuchhandlung Donaueschingen 1990

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