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Der Kriegseinsatz des Jahrgangs 1927
des Fürstenberg-Gymnasiums 
von Max Johne

Meine persönlichen Erlebnisse nach noch vorhandenen Aufzeichnungen und aus der Erinnerung aufgeschrieben.


Als Luftwaffenhelfer ab Nov. 1943


Um unsere Heimat vor der Zerstörung schützen zu helfen, wurden die Jungen des Jahrgangs 1927 aus der 6. Klasse am 8. November 1943 als Luftwaffenhelfer nach Friedrichshafen einberufen. Das letzte Schulzeugnis für das 1. Schuljahresdrittel 1943/44, datiert vom 21. Dez. 1943, fand ich nach dem Krieg bei meinen Eltern vor. 
Wir verabschiedeten uns voller Zuversicht am Bahnhof Donaueschingen von unseren jüngeren Mitschülern und Mitschülerinnen. Die Schulkameraden des Jahrgangs 1926 waren schon im Kriegsdienst. Direkte Kriegshandlungen wie Luftangriffe hatten wir noch nicht erlebt; wir ahnten nicht, was wir in Zukunft durchstehen sollten. 

In der Flakkaserne* Flak = Flugabwehrkanone** Flak = FlugabwehrkanoneFriedrichshafen-Schnetzenhausen begann unsere militärische Ausbildung. Auf dem nahen Exerzierplatz brachte man uns das Soldatsein bei, obwohl wir ja Schüler waren und bleiben sollten. Unsere Ausbilder, Unteroffiziere und Wachtmeister, waren zwar streng, aber doch vernünftige Menschen, die unnötigen Drill oder gar Schikanen vermieden. Wir waren eine große Anzahl von Schülern aus vielen höheren Schulen Süddeutschlands, die morgens zum Appell antraten. Er endete oftmals mit dem Ausspruch unseres "Chefs", Hauptwachtmeister Blechner: "Darauf könnt ihr euch versichert sein." Militärischen Unterricht erhielten wir in Ballistik, Waffenkunde, Flugzeugerkennung usw. Die Ausbildung an den 8,8-cm-Geschützen der schweren Flak fand in den Stellungen Waggershausen und Windhag statt. Wir lernten alle Teile des Geschützes kennen und alle Bedienungstätigkeiten. 
Spaß machte uns, als Richtkanoniere an der Richtmaschine mit sogenanntem Folgezeigersystem tätig zu sein. Es galt, einen per Kabel vom Kommandogerät gesteuerten Zeiger mit einem anderen Zeiger mittels zweier Handräder in Deckung zu bringen, wodurch die Zielrichtung des Geschützes gesteuert wurde. Geschick und Schnelligkeit waren dazu erforderlich.

Mit Gesang marschierten wir immer in die Stellung. Dabei änderten wir manchmal die Liedtexte. So hieß die Zeile: "Noch sind nicht die Lerchen wach, nur im hohen Gras der Bach," bei uns: "Noch ist nicht der Blechner wach, nur der Piel (ein Ausbilder), der macht schon Krach." 

Die Verpflegung war gut und ausreichend, was unser Dasein erleichterte. Am 13. Dez. 1943 trafen sich alle Luftwaffenhelfer zu einer Weihnachtsfeier in der Kaserne. Vom 19. Dezember 1943 bis 4. Jan. 1944 bekamen wir Weihnachtsurlaub. Danach ging unser Dienst in der Kaserne noch bis 26. Januar 1944 weiter.

Am 27. Jan. 1944 begann der Einsatz auf dem Flakschiff "Schussen", einer für drei Geschütze und Unterkünfte umgebauten Eisenbahnfähre, die einst die Strecke Friedrichshafen-Romanshorn befahren hatte. Wir ankerten etwa 300 m vor dem Hafen. Draußen war die Friedrichshafener Bucht gegen Eriskirch zu mit schwimmenden Kreuzen aus Baumstämmen abgeriegelt, auf denen große Blechtafeln senkrecht montiert waren. Sie sollten den Radargeräten der feindlichen Bomber Land vortäuschen, was wohl auch gelang; denn bei den Luftangriffen fielen immer zahlreiche Bomben in den See, was wir sehr zu spüren bekamen. Viele Fische im See kamen dabei um, da ihnen durch den Druck der detonierenden Bomben die Schwimmblasen platzten. Nach jedem Luftangriff sammelten wir korbweise Fische ein und brachten sie für die Stadtbewohner an Land.

Auf dem Schiff befanden sich drei 3,7-cm-Flakgeschütze 36. Nun waren wir Angehörige eines Zuges der 1. leichten Flakbatterie 932, Feldpostnummer L 33519, Luftgaupostamt München II. Die Batterie befand sich damals in Jettenhausen. Zwei Geschütze wurden von Flaksoldaten bedient, während wir Luftwaffenhelfer für das mittlere dritte zuständig waren. Unser Geschützführer war Unteroffizier Vetter, der sich sehr für uns einsetzte. Zugführer, also verantwortlich für das ganze Schiff, war zunächst Oberwachtmeister Haslinger, danach Oberfähnrich Winter, ein Wiener. Er jammerte oft über die nicht sehr schmackhafte Verpflegung, z. B. "Auweh! Scho wieder Badadi (Patati = Kartoffeln)!" Solche Nebensächlichkeiten bleiben im Gedächtnis haften. 

Meine Kameraden waren Wolfgang Oberweiler, Walter Ballweg, Kurt Schock, Walter Harder, Bernhard Graf, Herbert Hummel, Klaus Martin, Adalbert Fräßle (aus Klasse 7), Hugo Beha, Edmund Cremer, Paul Schlosser, kurz auch Hans Buri; nicht von unserer Schule Stabenau und Hoffmann. 

Wir wurden kurz an den für uns neuen Geschützen ausgebildet. Am 29. Jan. 1944 tauchte ein feindlicher Fortress II-Bomber ziemlich nieder fliegend in Höhe der Friedrichshafener Schlosskirche auf. Das Flugzeug war wohl angeschossen und suchte in die Schweiz zu entkommen. Salven unserer Geschütze trafen voll. Unweit von uns stürzte es ab in den See und versank bald darauf. Richtschütze war an unserem Geschütz der junge Gefreite Zuschlag, genannt Bubi, vom 9. Geschütz, der gerade in unserem Geschützstand anwesend war.

Bis zum 8. Febr. 1944 verging die Zeit mit Postenstehen als Flugmelder, Geschützreinigen und Geschützexerzieren. Zieldarstellungen flogen abwechselnd jeden Tag eine Arado 196, eine Klemm 30, eine zweimotorige Dornier 215 und eine Junkers 87, die ein Sturzkampfflugzeug war. Mittwoch war immer "Gastag", d. h. exerzieren mit aufgesetzter Gasmaske. Das Essen holten wir in der Batterie in Jettenhausen, später in Seewald. Dazu kam noch Ruderdienst hinüber zur Landvermittlung beim Gondelhafen, wo auch unser Motorboot lag. Dessen Bootsführer hießen Rössler und Augustin. Ein Licht- und ein Telefonkabel führten von der Landvermittlungsbaracke zu unserem Schiff. Es galt, Landgänger (Urlauber), Kuriere zur Batterie, Post und Essen zu befördern, was bei hohem Wellengang oft nicht einfach war. Deshalb mussten wir im Ruderboot wie bei Luftalarm immer Schwimmwesten tragen. Im März 1944 hatte ich einmal bei stürmischem Wetter Ruderdienst und musste einen Unteroffizier und unsere postlagernden Briefe vom Postamt aufs Schiff holen. Hinüber an Land kam ich noch, zurück aufs Schiff aber musste ich gegen den Sturm anrudern und wurde abgetrieben.

Der Unteroffizier schien mir die Schuld zu geben, setzte sich selbst auf die Ruderbank und versuchte vorwärts zu kommen. Eine hohe Welle warf das Boot um, wir lagen im kalten Wasser, die Briefe und Päckchen sowie das Boot kieloben schwammen gen Langenargen davon. Von unserer Motorbootbesatzung aufgefischt, standen wir beide später in Unterhosen zum Trocknen am Kanonenofen in der Unterkunft auf dem Schiff. Der Unteroffizier war recht kleinlaut geworden und fror genauso wie ich. 

Am 8. Febr. 1944 wurden die Anker gelichtet. Im Hafen bekamen wir
2-cm-Flakgeschütze 30.

Meine Kameraden waren am 21. Febr. 1944 das erste Mal im Unterricht in der Zeppelin-Oberschule in Friedrichshafen. Ich war nicht dabei, steckte ein paar Tage wegen einer Angina im Luftwaffenzentralrevier Langenargen. Vom 5. bis 7. März 1944 durfte ich zum Kurzurlaub nach Hause (Donaueschingen). Insgesamt erhielt ich fünfmal Urlaub, wie wohl meine Kameraden auch. Man bekam auf Bewilligungsgesuche von der Batterie einen Kriegsurlaubsschein ausgehändigt und konnte sich kostenlos auf die Heimfahrt begeben. Außer dem Weihnachtsurlaub (19.12.43 - 4.1.44) erhielten wir einen längeren Erholungsurlaub vom 5. April 1944, 12 Uhr, bis 22. April 1944, 8 Uhr. Am Heimatort musste man sich immer bei der Dienststelle des Standortältesten melden, was mit einem Stempel bestätigt wurde. Von der Ausgabestelle der Lebensmittelkarten bekam man dann eine "Reichsurlaubskarte für Lebensmittel" für die Zeit des Urlaubs. Die restlichen drei Urlaubsscheine waren auf zwei bis vier Tage ausgestellt. Diese Zeit verging schnell, bald war Abschied und der Gang zum Donaueschinger Bahnhof angesagt. Ob und wann man die Eltern wiedersah, war ungewiss. 

Am 9. März 1944 war ich zum ersten Mal in der Schule; insgesamt nahm ich seit Nov.1943 viermal am Unterricht teil. Am 20. Juni 1944 meldeten wir uns morgens zum Schulgang ab. Nachmittags schwänzten wir den Unterricht und fuhren nach Langenargen. In einem Café vernaschten wir Kuchen, der uns für die "Kuchenmarken" zustand. Da kam der Direktor der Zeppelinoberschule zur Tür herein! Die Folge war eine Anzeige beim Batteriechef und danach Strafexerzieren für die Kameraden, die an Land stationiert waren. Uns auf dem Flakschiff passierte nichts; wo auch hätten wir herumgescheucht werden sollen? Nach dem 1. Juli wurde überhaupt kein Unterricht mehr erteilt. Unsere Lehrer, die ich nicht alle kennen lernte, hießen Neef, Gross, Blank, Schliesmann, Grünvogel und Fräulein Stumpf. Fächer waren Biologie, Chemie, Geschichte, Latein, Deutsch, Englisch, Erdkunde, Physik und Mathematik.
Ein "Luftwaffenhelferzeugnis" wurde uns am 5. Juli 1944 ausgestellt. Es enthielt in allen Fächern keine Noten, trotzdem die Versetzung in Klasse 7. Der "Führer" machte es möglich! 

Der erste Luftangriff auf Friedrichshafen erfolgte am 16. März 1944 um die Mittagszeit mit 70 bis 80 Bombern. Ein Reihenabwurf ging südwestlich von uns in den See. Nachmittags machten wir in der Stadt statt Schulunterricht eine Schadensbesichtigung. Es waren 31 Tote zu beklagen. 
Vor und während der Angriffe öffneten die Vernebeltrupps immer ihre Fässer, die ganze Stadt wurde in beißenden Nebel eingehüllt, um den Angreifern die Sicht auf die Rüstungsbetriebe zu nehmen.

Am 18. März 1944 wurden wir vormittags zum Zuschütten der Bombentrichter auf der Straße Jettenhausen - Waggershausen eingesetzt. Fliegeralarm: im Dauerlauf rannten wir zum Übersetzen auf die "Schussen". Es reichte noch, doch schon flogen aus der Sonne vom Südosten in großer Höhe etwa 240 Flugzeuge in sechs Wellen auf die Stadt zu, die für unsere leichten Flakgeschütze unerreichbar waren. Um unser Flakschiff herum detonierten zahlreiche Bomben. Ein abgeworfener Brandkanister ging an der Bordwand nieder und bespritzte unser Schiff mit einem nach Benzin riechenden Brandgemisch. Ein Reihenabwurf kam auf uns zu, die Bomben sah man wie Silberfischchen in der Sonne glänzen und auf uns zufallen. Das war wie eine Hinrichtung mit sehenden Augen. Wasserfontänen schossen hoch, die letzte Bombe 30 Meter vor dem Schiff, die nächste hinter uns. Glück gehabt! Die schwere Flak verzeichnete etwa 16 Abschüsse. Wir hatten einige Zeit kein Licht mehr, das Seekabel war zerrissen. Die Stadt brannte, besonders der Ostteil. Am Tag darauf sahen Oberweiler und ich bei einem Landgang große Verwüstungen. 

Am 29. März 1944 mussten wir alle zu irgendeiner Impfung an Land; nachmittags gab es Ausgang. Herbert Hummel und ich wanderten weit hinaus bis Meistershofen.

Schon am 24. April 1944 erfolgte am Tag ein erneuter Luftangriff von 12 Wellen Fortress II mit etwa 230 Bombern. Wieder große Schäden, die Zahnradfabrik existierte nicht mehr. Einige von der Flak angeschossene Bomber notlandeten in der Schweiz. Wie viele Bomber
abgeschossen wurden, weiß ich nicht mehr.

Unser schlimmstes Erlebnis begann in der Nacht vom 28. April 1944. Es wurde d i e Nacht des Schreckens in unserem ganzen Leben. Das ganze Geschehen will ich nicht schildern, nur was uns persönlich betraf; die beigefügten Zeitungsausschnitte geben weiteren Aufschluss.

Zuerst wurde "Edelweiß" durchgegeben; das bedeutete sofortige Gefechtsbereitschaft für unsere Flak, sobald feindliche Flugzeuge im Anflug auf Süddeutschland gemeldet wurden.
Immer, wenn "Edelweiß" durchgegeben wurde, kam die Angst auf uns zu, beeinflusste aber unser Handeln nicht. Näherten sich die Bomber unserem Raum, ertönten in der Stadt die Sirenen, zuerst Voralarm, dann Hauptalarm. Dies schlug uns allen auf den Darm, in solchen Situationen eine unausbleibliche Reaktion. Schlangestehen vor dem Aborthäuschen war angesagt. 
Wir hatten Angst, ja Todesangst, genauso wie die Flaksoldaten und die Zivilbevölkerung Friedrichshafens.
Wir Buben standen fast deckungslos an unserem Geschütz im Bombenhagel. Der Luftdruck warf uns im Geschützstand wie Spielbälle hin und her. Die Soldaten der beiden anderen Geschütze rannten unter Deck in den Maschinenraum. Bei einem Treffer wären sie dort auch umgekommen. Unser Leben verdankten wir nur dem Umstand, dass die Splitterwirkung der Bomben, die im Wasser detonierten, sehr stark vermindert war. Ein Wunder war es, dass keine Sprengbombe das Schiff selbst traf. Nur eine Stabbrandbombe durchschlug das Dach unserer Unterkunft; irgendjemand warf sie mit der Kohlenschaufel über Bord. 
Ein Zeitgefühl hatten wir nicht mehr. Die Schreckensstunde schien ewig zu dauern, Gedanken waren kaum mehr zu fassen. 

Als endlich der Höllenlärm der Detonationen aufhörte, die Motorengeräusche der Flugzeuge verstummten und die Geschütze das Feuer einstellten, sahen wir uns stumm an. Es gab also noch Wunder: Keinem unserer Kameraden war ein körperliches Leid geschehen. Klaus Martins Mantel hatte ein Loch, verursacht von einem Eisensplitter. Wir schauten hinüber auf die Stadt, fassungslos über ihren himmelhoch lodernden Untergang. Immer noch detonierten Bomben mit Zeitzündern zwischen den Trümmern. Unser Schiff schaukelte, wenn auf dem Seegrund eine Zeitbombe hochging. 

Nach dem Angriff war an Bord alles durcheinander gewirbelt. Im Gefechtsstand des 9. Geschützes lag ein Flugzeugteil, alles war mit Splittern übersät, die Aufbauten verschoben, das Essgeschirr aus den Schränken lag in Scherben auf dem Boden herum. 

Als der Angriff begonnen hatte, war unser Kamerad Kurt Schock mit dem Ruderboot gerade im Hafen zum Abholen eines Nachturlaubers. Wir dachten, dass wir unseren Kurt nicht mehr wiedersehen würden. Nach dem Angriff tauchte er in der hell erleuchteten Nacht mit dem Ruderboot aus dem Flammenmeer unversehrt auf. Nahe des Schiffes machten wir ihn auf etwas im Wasser Schwimmendes aufmerksam; der "Schockle" ruderte dorthin und rief: "Ein Mensch!" Es war ein junger Kanadier, der hier sein Leben hatte opfern müssen. Er lag dann drei Tage auf unserem Schiff, bis ihn die Wasserpolizei holte. Als Wachtposten mussten wir über ihn hinwegsteigen. Ob seine Eltern je etwas Genaues über sein Schicksal erfuhren?

Bei der "Schussen" hielt sich regelmäßig ein Schwan mit seiner Frau auf; wir nannten ihn Philipp. Die beiden warteten besonders mittags immer auf einige Leckerbissen, seien es auch nur ein paar Nudeln aus einem Suppenrest. Nach dem Nachtangriff waren die Schwäne verschwunden. Wir meinten, sie seien Opfer der Bombennacht geworden. Doch nach drei Tagen kamen sie zur Mittagszeit wieder weit draußen im See angeschwommen, wie der Posten uns meldete. Wahrscheinlich waren sie also in die neutrale Schweiz geflüchtet, um dem Tod zu entkommen. 

Das Bodenseewasser war damals sauber; wir hatten es bisher als Waschwasser benützt. Aber nach dieser schweren Bombennacht tauchten, selbst noch nach Wochen, die Leichen von abgeschossenen Bomberbesatzungen an der Wasseroberfläche um die "Schussen" herum auf: Ein schauerlicher Anblick, bis die Wasserschutzpolizei sie barg. Nun mussten wir das Wasser vom Land mit Kannen herbeischaffen. 

In den Tagen nach diesem Nachtangriff wurden wir zu Aufräumarbeiten in Friedrichshafen eingesetzt. So halfen wir zum Beispiel am 3. Mai 1944 beim Dachdecken eines noch stehenden Hauses. 

Der Dienst ging weiter. Am 6. Mai 1944 hatten wir Ausgang; mit Herbert Hummel besuchte ich Langenargen. Am 9. Mai 1944 fand wieder ein Schultag statt; es sollte mein vorletzter Schulunterricht sein. Die Schule brachte uns nichts; wir saßen im Unterricht nur herum und lasen Briefe oder aßen etwas aus einem Päckchen unserer Eltern, das wir zuvor auf der Post geholt hatten. Es gab keinerlei Lernmaterial. Wann und wo hätten wir auch etwas vorher Gehörtes verarbeiten sollen?

Der 14. Mai 1944 war für mich und Herbert Hummel ein Festtag. Unsere Mütter und Fräulein Müller, die Bibliothekarin in Donaueschingen, besuchten uns. Wir verbrachten zusammen einen Nachmittag in Eriskirch und Langenargen. Als wir wieder einmal Ausgang hatten, fuhren Herbert und ich nach Nonnenhorn und Kressbronn. Ende Mai 1944 badeten Wolfgang Oberweiler, Herbert und ich bei herrlichem Wetter in Meersburg. So erlebten wir auch manche schöne Stunden miteinander. 

Auf unserem Schiff verbrachten wir am 17. Mai 1944 bei Fischbach einen Tag mit Übungsschießen auf eine Seezielscheibe mit den 2-cm-Geschützen. Unsere Batterie war jetzt in Seewald stationiert. In Langenargen traten wir am 21. Juni 1944 zur Musterung fürs Militär an. Ergebnis: tauglich. Einen Tag darauf wurde unser Zug im Hafen wieder auf  3,7-cm-Flakgeschütze 37 umgerüstet, was für uns mit viel Arbeit verbunden war. Wir bekamen vier neue Luftwaffenhelfer aus Konstanz, nach fünf Tagen waren sie aber wieder fort. Einmal inspizierte uns der Brigadegeneral; da hieß es strammstehen. 

4. Juli 1944: Unsere Batterie wurde abgezogen und in Frankreich eingesetzt. Danach waren wir Luftwaffenhelfer der "leichten Heimatflakbatterie 14/VII" unterstellt. Als Einziger wurde ich in die Landstellung Seewald versetzt. Schon nach zwei Tagen war ich auf meine Bitte hin wieder bei meinen alten Kameraden Harder, Martin, Graf, Schock, Fräßle und Oberweiler, jetzt auf dem Flakschiff "Argen" vor Immenstaad, das ebenfalls eine ehemalige Eisenbahnfähre war. Wir wurden verteilt auf die drei Geschütze. Unser Zugführer hieß nun Unteroffizier Schmid. Der Schiffsführer, Wachtmeister Schwäderer, erklärte mir einmal auf irgendeinen Einwand: "Des spielt alles gar kei´ Roll, beim Kommiss heißt es nur jawoll!"

Am 9. Juli 1944 besuchten mich meine Mutter und eine Tante aus Kufstein; wir saßen am Strand bei Schloss Helmsdorf. Es war ein stiller schöner Sommernachmittag.

Am 14. Juli 1944 kamen sieben neue Luftwaffenhelfer aus Konstanz zu uns.
Am 18. Juli 1944 war wieder ein Bombenangriff; diesmal galt er dem Dornierwerk in Manzell. Auch das Seewerk in Immenstaad wurde von zwei Bomben getroffen, eine war ein Blindgänger. Viele Bomben fielen etwa 800 Meter vor unserem Schiff in den See. 

Am 20. Juli 1944 musste ich als Kurier nach Seewald, um Gasmasken zu holen. Als ich auf dem Rückweg zur Friedrichshafener Innenstadt war, heulten die Sirenen: Voralarm; wenig später Vollalarm. Ich rannte gerade unter die Bahnunterführung oberhalb des Hafenbahnhofs, da fielen schon die ersten Bomben. Ich schaffte es noch in den Luftschutzunterstand hinter dem Hafenbahnhof. Schon brach die Hölle los. Welle um Welle der Feindbomber lösten die Bomben über der Stadt aus. Ich war in den größten Tagesangriff auf die Stadt geraten. In dem dunklen Bunker beteten Frauen und weinten Kinder. Als nach einer halben Stunde das Bombardement aufhörte, brannte es überall. Von den Häusern, die vorher noch standen, waren nur noch Trümmer übrig geblieben. Auch der langgestreckte Bunker, in dem ich Unterschlupf gefunden hatte, hatte 15 Meter vom Eingang entfernt einen Volltreffer erhalten. Zwischen den Betontrümmern im Bombentricher lagen die Toten. Ich musste auf Anweisung eines Offiziers
Verwundete auf Tragbahren über den Bahndamm zu Sanitätsfahrzeugen schleppen. Allein in einem Keller starben sechzig Menschen. Dieser Terrorangriff forderte die meisten Toten aller Bombardierungen. Mindestens 225 Menschen verloren dabei ihr Leben.

In einem unbewachten Augenblick rannte ich weg und zur Landvermittlung im Gondelhafen. Von dort brachte mich das Motorboot auf die "Schussen", wo alle vom Angriff noch geschockt waren. Nachmittags kam ich per Boot wieder auf der "Argen" an. Dort hatte man diesmal das Vernichtungsschauspiel aus der Ferne betrachtet und war erleichtert über meine Rückkehr. 

Wir erlebten am 24. Juli 1944 Tieffliegerangriffe. Zehn Mustangs flitzten herum und schossen mit ihren Bordwaffen auf alles, was sich bewegte. Die Reichweite unserer Geschütze aber mieden sie. 


Am 3. August 1944 erfolgte vormittags wieder ein Angriff von etwa 370 Bombern. Diesmal galt er den Dornierwerken und den Flakstellungen in und um Schnetzenhausen. Insgesamt 28 Luftwaffenhelfer zählte man unter den Toten. Auf Manzell fielen ungeheuere Bombenmassen, die Luft zitterte. Ein Zeitungsbericht gibt Einzelheiten.

Das nächste Bombardement am 16. August 1944 galt besonders der V2-Herstellung in Raderach. Sechs Sprengbomben detonierten unmittelbar neben unserem Flakschiff "Argen". Es sollte der letzte Angriff der alliierten Bombermacht auf Friedrichshafen sein, den wir noch als Luftwaffenhelfer erlebten und überstanden. Dann wurde es für uns ruhiger. Mitte August 1944 kamen Lehrlinge als Luftwaffenhelfer; sie sollten uns bald ablösen. 
Ich musste öfters als Befehlsempfänger in die Batterie. Im Seewerk holten wir das Essen. Ab 19. August 1944 wurden wir häufig zur Bewachung eines Flugbootes, einer Do 24, abkommandiert, die in der Nähe unseres Schiffes lag. 

Am 1. September 1944 wurden wir zu Oberluftwaffenhelfern durch unseren Kompaniechef Oberleutnant Schwebel ernannt. Am 11. September 1944 galt es, Abschied zu nehmen von der "Argen". Zehn Monate Dienst als Luftwaffenhelfer waren zu Ende. Wir wurden in der Batterie ausgekleidet und entlassen und traten die Heimfahrt an. Am 27. September 1944 wurde der Flakschutz für Friedrichshafen nach einem letzten Angriff aufgehoben, weil von der Stadt nichts Beschützenswertes übrig geblieben war.
Wir hingen alle wehmütigen Gedanken nach. Zur Beschützung der schönen Stadt Friedrichshafen waren wir angetreten, nun verließen wir einen Trümmerhaufen. Wir hatten den Wahnsinn des Krieges erfahren müssen. 

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