Materialien zur Sammlung Robert Lebeck


 I.

 Nicht für alle der zahlreichen Söhne des Tagelöhners Thomas Lebeck fand sich im oberschlesischen Gleiwitz, in der engeren Heimat, Brot und Arbeit. Der 1838 geborene Johann Jakob wanderte aus gen Westen und faßte als Modellschreiner Fuß. Sein Sohn Oscar, 1869 geboren, wurde Hotelier. Oscar heiratete Olga, die Tochter des in Stendal geborenen Ernst Carl Hartje und  der ebenda geborenen Ida Glimm. Olga und Oscar Lebeck-Hartje bekamen zwei Söhne - Oscar jun. wanderte in die USA aus und reüssierte als Kinderbuch-Illustrator . Kurt studierte in Berlin Jurisprudenz. Im August 1928 heirateten in Berlin der 21-jährige Kurt Lebeck und die 21-jährige Maria Kühne..

Der verarmte verdiente preußische Rittmeister Oskar von Stülpnagel sah sich seiner pekuniären Nöte bar, als er die Tochter der durch die Rendite von Plüschfabriken sehr gut betuchten jüdischen Familie Wolff ehelichte. Diese ebenso vernünftige wie glückliche Ehe gab Beispiel. Die Tochter Renate nahm in sehr jungen Jahren bereits entsprechende Verbindung auf, Plüsch kam zu Plüsch, sie heiratete den Sproß der Marie Rudolph, Plüschdividendenerbin, und des Georg Kühne, Fabrikbesitzer. Der Sproß hieß Walter, studierte Juristerei und  verfügte schon während der Studentenjahre über ein jährliches Taschengeld von damals sagenhaften fünfzigtausend Mark in Gold - das durch die folgende Heirat akkumulierte Plüschkapital der Familie Kühne-von Stülpnagel polsterte vollends, Renate und ihr Dr. jur. Walter lebten nach ihren individuellen Interessen, im Stadthaus zu Berlin oder im Sommerhaus in Jamlitz. Als ihre Tochter Maria Kurt Lebeck heiratete, war sie im dritten Monat schwanger.

Die Ehe dauerte nicht. Im März 1929 gebahr Maria den Sohn Robert, im Juni schloß Kurt Lebeck seine juristischen Examina ab; kaum Ehemann, Vater und Gerichtsassessor geworden, fesselte die multiple Sklerose den Dreißigjährigen ans Bett. Die stigmatisierende Krankheit und ihre Auswirkungen zerschlugen die Ehe. Maria entzog sich, zog aus nach Jamlitz, zurück in den Schoß der Familie Kühne-von Stülpnagel. Da der Sohn Robert mit Sicherheit einziges Kind seines bettlägerigen Vaters bleiben würde, die junge lebenslustige Maria hingegen mit einiger Wahrscheinlichkeit in einer anderen Ehe weitere Kinder bekommen könne, sprach das Scheidungsgericht nach eingehendem Prüfungsverfahren den Sohn dem Vater zu.

Maria verlebte den Sommer 1930 in Jamlitz. Es zog sie bald nach Berlin zurück, sie eröffnete einen kleinen kunstgewerblichen Laden, wenige Straßenzüge von Kurt und ihrem Sohn entfernt. 1930 war sie ausgezogen, doch erst 1934 trat die Scheidung in Kraft. Einige Zeit später heiratete sie Erich Seiffert und zog mit ihrem Mann in ein idyllisches Holzhaus auf dem Grundstück des väterlichen Sommerhauses in Jamlitz. Robert bekam bald Stiefbrüder, drei insgesamt: Christian, Kaspar und Florian. Kurts Haushalt wurde von Olga Lebeck-Hartje, seiner Mutter geführt. Sie pflegte ihren Sohn, erzog ihren Enkel und versorgte beide mit großem Einsatz. Mit der knappen Rente von einhundertsechzig Mark monatlich, abzüglich jeweils siebzig Mark für die Drei-Zimmer-Wohnung in Berlin, blieb Kurt Lebeck Zeit seines Lebens auf die Unterstützung seiner Verwandtschaft angewiesen.

Robert, sobald er gehen konnte, besuchte seine Mutter in ihrem Berliner Laden. Als sie Frau Seiffert geworden war und in Jamlitz lebte, verbrachte Robert seine Schulferien ebenda. Sein Berliner Zuhause, durch Rücksicht auf den kranken Vater geprägt und von der weichen, warmherzigen Olga geleitet, kontrastierte stark zum weitläufigen Jamlitzer Sommerhaus, zum geheimnisvollen Individualisten. Walter Kühne der seine üppigen  Apanagen der Studienzeit in Bücher investiert und in Jamlitz gut vierzigtausend Bände stehen hatte. Der Großvater malte, zeichnete, sammelte Zeichnungen, Graphiken, hatte alle nennenswerten Kunstzeitschriften abonniert, besaß Schränke voller Geheimnisse, die er seinem Enkel durchaus zu zeigen bereit war. Beide Welten hatten ihren Preis: Die latente Depression schwang in Berlin fast immer mit  und jeder kurze Besuch in Jamlitz endete mit der Trennung von der Mutter, trennte von Großvaters Welt und Perspektiven.

1943 starb, nach fast vierzehn Jahren Bettlager, der Vater; Robert kam zur Front.
Nichts galt mehr. Der Krieg riß Ordnung auf, ein Fünfzehnjähriger sah Schulfreunde krepieren, sah Bilder vom Krieg. Ins Schlafzimmer seiner Jamlitzer Großmutter fiel eine Bombe, Jamlitz brannte auf die Grundmauern nieder, dabei hatten die reichen Berliner Verwandten das ganze Silber, den ganzen Schmuck und die Bilder aus "Sicherheitsgründen" nach Jamlitz verbracht. Der Großvater sprang im Nachthemd aus dem Fenster und überlebte im Holzhaus neben der Ruine, wo ihn die Russen im Bett, mit Kaffeewärmer auf dem Kopf, vorfanden. Nahezu mittellos geworden durch Krieg und Inflation, malte Walter Kühne weiter, notfalls auf altes Zeitungspapier, bis zu seinem Tode.

Im Sommer 1945 wurde Robert Lebeck aus der amerikanischen Gefangenschaft entlassen. Ein Verwandter väterlicherseits bot ihm Wohnung, 
Familie und das Donaueschinger Gymnasium. Ende Juli 1948 war das Abitur geschafft, war der Weg frei, er wollte weg, wollte reisen, wollte in die USA auswandern. Von der Schweiz aus gelang ihm die Passage, nach einem Jahr Studium der Völkerkunde an der Universität Zürich erreichte der junge Mann die Neue Welt. Onkel Oscar, der Bruder seines Vaters, nahm ihn auf. Robert studierte an der Columbia Universität Völkerkunde, jobte dazu als Tellerwäscher, Kellner, Lokomotiven-Wärter. Doch 1951 wollte Uncle Sam den Einwanderer Lebeck für den Korea-Krieg. Er überlegte und zog von dannen, traf an seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag mit der "Liberté" in Le Havre ein -  dreißig Tage später war Robert Lebeck an der Universität Freiburg mit dem Hauptfach Geologie beschäftigt.

Wiederum wenige Monate darauf heiratete er eine um fünf Jahre ältere Studentin der Medizin, zog zu ihr nach Heidelberg, bewarb sich bei der US-Armee und bekam einen sauberen Job: Abteilungsleiter der Putzkolonnen in der US-besetzten Zone.

Seine Frau Ruth schenkte ihm zum Geburtstag 1952 eine Kleinbildkamera, eine Kodak Retina-, kaum vier Monate später, am 15. Juli 1952, druckte die "RheinNeckar-Zeitung" auf dem Titelblatt ein Foto Konrad Adenauers - Lebecks erstes Pressefoto war erschienen. Als die Amerikaner ihren Abteilungsleiter seines neuen Hobbys wegen immer seltener zu Gesicht bekamen, einigten sich die Parteien auf Rausschmiß. Die Karriere des Fotografen Robert Lebeck begann.

1961 scheiterte die erste Ehe. Zwei Jahre zuvor hatten sich in Paris die deutsche Romanistikstudentin Helke Rennert und Robert Lebeck kennengelernt; 1963 kam es zur Heirat, und 1965 kam die Tochter Anna zur Welt. Von dieser festen Basis aus machte der Fotograf Lebeck unverbissen Karriere, reiste für "Kristall" und den "Stern" durch alle Welt, gehörte bald zu den arriviertenFotojournalisten, erlebte die Blütezeit der großen bundesdeutschen Illustrierten und gestaltete sie mit, bis ihn die Kritik wortlos zu "einem der besten Reportage-Fotografen" erklärte. Viele seiner Fotos wurden Legenden, und die 1984 erschienene Retrospektive konnte im Untertitel "30 Jahre Zeitgeschichte" heißen, war in der Tat repräsentativer Querschnitt ihrer Zeit.


II.

Ab 1972 sammelte Robert Lebeck alte Fotografie. Die Sammlung Robert-Lebeck entstand im Verlauf der vergangenen fünfzig Jahre ; sie absorbierte ein Großteil der freien Zeit und der  finanziellen Mittel ihres Regisseurs. Nicht ererbtes sondern mit der Fotografie hart erarbeitetes Geld floß der Sammlung zu. Lebecks Motive sind dementsprechend,intensiv. Ein Teil seinerMotivation mag durch seine Herkunft und Geschichte erklärt werden; wer an sein Sammler-Gen, an eine genetische Disposition zum Sammeln, wer an einen "Ur-Instinkt" glauben will, der kann dabei bleiben. Etwas konkreter mag die Vermutung sein, daß der Sammler Robert Lebeck Stück um Stück die heile Welt des großväterlichen Jarnlitz, seinen Jugendtraum restaurieren wollte. Bewußt kam das Abenteuer in Gang durch das Bedürfnis, mehr über die Fotografie zu erfahren. Dem Autodidakten bot Theorie ohne originales Anschauungsmaterial zu wenig. Genau so, wie sich der Fotograf Robert Lebeck selbst ausgebildet hatte, näherte er sich der Geschichte der Fotografie, der Geschichte seines Berufes, seiner Identität. Und entdeckte für sich die "Anfäinger", wurde gefangen von den Fotografen der ersten Stunde, konzentrierte sich auf Fotografien zwischen 1839 und 1870.

Die Bilder der Sammlung Robert Lebeck vermitteln die Faszination, die vom neuen Medium ausging. Zwei Talente waren gefordert: künstlerisches und technisches Vermögen. Lebecks Pioniere der Kamera sind Künstler, überwiegend Maler mit guter technischer Hand oder Techniker mit künstlerischen Fingerspitzen. Solche Talentsymbiosen führten das eben erst Erfundene zu rascher intensiver Blüte. Vor dem Hintergrund polarisierter Theoriebildung trug die Fotografie ihre Möglichkeiten innerhalb weniger Jahre zur Kunst, zur Wissenschaft, zum Gewerbe. Die Wissenschaft und das Gewerbe nahmen einigermaßen pragmatisch Maß am Neuen und betonten dessen Nützlichkeit. In der Kunst war die Aufnahme sehr viel aufgeregter, die spektakuläre Erfindung provozierte Pathos und Emphasis. Wer die Höhepunkte der Sammlung.in Augenschein nimmt, dem mögen die damaligen Ängste unverständlich sein, der mag sich wundern, daß ein Maler angesichts erster Daguerreotypien die Malerei für "ab sofort tot" erklärte. Noch zwanzig Jahre nach Publikation der fotografischen Verfahrenstechniken, nämlich 1859, hatte kein geringerer als Charles Baudelaire Sorge um nichts Geringeres als die göttliche Inspiration des (französischen) Geistes. Baudelaire duldete die Fotografie nicht im Fantasieland Kunst, er wies ihr klare Grenzen, Fotografie sollte sich gefälligst an ihre "eigentlichen Pflichten" halten: Dienerin der Künste und der Wissenschaft solle sie sein, "und zwar eine sehr niedrige Dienerin, wie der Buchdruck und die Stenographie, die weder die Literatur geschaffen noch ersetzt haben". "Wenn sie gefährdete Ruinen, Bücher, Stiche
und Manuskripte vor dem Vergessen bewahrt, dann solle sie bedankt und belobigt sein. Aber wenn es ihr erlaubt wird, sich auf die Domäne des Geistes und der Fantasie auszuweiten, auf all das, durch die Seele des Menschen lebt, dann wehe uns !
Die Kontradiktion fiel nicht wenig grundsätzlich nicht weniger pathetisch aus; sie erteilte im befürwortenden Extrem dem gängigen Kunstbegriff kurzerhand Absage  und betonte - wenige Jahrzehnte nach dem Sturm auf die Bastille -, daß die Fotografie gerade durch ihre pluralistische Disposition geeignet sei, einer neuen, demokratischen Kunst Impuls zu sein. Der Genfer Ästhetik-Professor Rodolphe Töpfer schrieb bereits 1841 voll im Soge hochschlagender Wellen: 
"Die Kunst, das ist ein unsichtbarer Lind unsicherer Gott, vor dem sich zehn
Narren und drei Schelme verneigen; sie ist ein König, der seine Schmeichler und Höflinge hat - ja, haben wir nicht von Victor Hugo gehört, daß man der Kunst um der Kunst willen huldigen müsse. Nein, was uns angeht, wir wollen an ihrer Stelle die vollkommene Demokratie.
Hier wie überall wollen wir das Positive, Sichtbare, das, was sich wiegen, anfassen und messen läßt, anstelle des Nebulösen, Übersinnlichen und Unwägbaren. Nieder mit der Kunst! Es lebe Daguerre!"

Tausende von Bildern gingen durch seine Hand, Sammler-Erfahrung kam auf, Geld wurde häufiger; gegen Ende der 70er Jahre erweiterte sich der Horizont der Sammlung um dreißig Jahre bis zur Jahrhundertvende. Mit beeinflussend wurden die kunsthistorischen Kenntnisse und das Urteil in ästhetischen Fragen seiner dritten Ehefrau, der Hamburger Galeristin Elke Dröscher; sie heirateten 1978. Noch in letzter Minute vor der Preis-Hausse 1984, verursacht durch massive Aufkäufe amerikanischer Museen, konnte ein privates Panorama der Fotografie bis zur Jahrhundertwende entstehen. Ganz nach dem Gusto, dem Geldbeutel und den Gelegenheiten Robert Lebecks gestaltet, ist die Sammlung nicht Enzyklopädie sondern quasi impressionistische Geschichtsschreibung. Wo enzyklopädische Breite bald langweilt, vermittelt hier Auswahl viel begeisternder den Innovationswillen der Pioniere, ihre großartigen Leistungen und den hohen künstlerischen Wert früher Fotografie.

Rainer Wick

in:
PIONIERE MIT DER KAMERA
Das erste Jahrhundert der Fotografie
1840-1900
Die Sammlung Robert Lebeck
Fotoforum Bremen